..Ich war wohl 13, da hab ich mich einfach so, wegen einer Kindergartenbeziehung am Oberschenkel verletzt. Ich weiß gar nicht mehr wie ich auf den Gedanken gekommen bin, mir eine Rasierklinge vom Schrank meines Vaters zu nehmen. Weiß gar nicht wie ich überhaupt auf den Gedanken gekommen bin mich zu verletzen, das war damals doch alles nicht nötig gewesen. Aber ja, somit hat es angefangen. Fast wegen gar nichts. Das war dann auch die Zeit gewesen, in der meine Mutter uns wegen eines anderen Mannes verlassen hat. Ich glaube, ich hab das nicht richtig realisiert. Und es hat mir auch gar nicht so viel ausgemacht. Man lebt sich nunmal auseinander. Dann war ich 14, und da spielen eben die Hormone verrückt. Ich habe mich verliebt, in den falschen. Ich wollte ihn, er aber nichts von mir. Wer kennt das nicht. Es war Winter und da habe ich unseren Apothekenschrank durchsucht, ich wollte irgendwas schlucken, nicht mehr weiter leben. Da fand ich Schlaftabletten, allerdings pflanzlich - dachte mir, die hauste jetzt rein. Mir wurde davon nur kotzübel und ich musste brechen. Das war also Versuch Nummero 1. Aber der Kerl war nicht das einzigste, was mich belastet hat. Mit 14 hatte ich da noch ein Erlebnis, im Sommer, da wurde ich erst 14. Meine Mutter ist mit dem Kerl zusammen gezogen, für den sie uns verlassen hat. In den Ferien war ich bei ihr und Abends ist ein Streit zwischen den beiden eskaliert. Ich kann ja verstehen, dass gute Frauen schlechte Männer lieben. Aber ich habe kein Verständnis für diese Art Mann. Männer die ihre Frauen schlagen. Ich musste also mit ansehen, wie er sie geschlagen hat und dannach alles dem Richter erzählen. Das schlimme ist ja, es kann so viel Zeit vergehen wie will, meine Mutter jedoch findet immer wieder zu ihm zurück. Und dann soll sie auch noch sowas wie ein Vorbild für mich sein. Nun ja, jedenfalls hat das an mir genagt, eingebrannt in die Erinnerungen. Unauslöschbar. Das der Typ mir Angst macht, hat sie nie verstanden. Und dann habe ich mich erneut verliebt, wieder in den Falschen, und wieder in den Falschen und nocheinmal in den Falschen. Und so langsam habe ich mir eingeredet, ich wäre nicht gut genug. Nicht gut genug, nicht hübsch genug, nicht dünn genug, nicht klug genug. Irgendwann kam der Punkt, der Tag, an dem ich alles nur noch abgeblockt habe. Mich von Menschen entfernt habe. Keine Hoffnung mehr in mir getragen habe. Da haben die Gedanken wieder angefangen, was wohl der beste Weg wäre zu Sterben. Ohne viel Leid ertragen zu müssen. Ich habe mir auch darüber Gedanken machen müssen, was ich anziehen muss, damit keiner die Schnittverletzungen am Unterarm sehen wird. Sport war das schlimmste Fach. Da konnte ich mich nicht verstecken. Ich war 15 oder 16. Dann kam das Abschlussjahr, die Gedanken in meinem Kopf haben sich immer nur verschlimmert. Ich hatte sogar vor, Aceton in meine Adern zu spritzen. Ich hatte eine Spritze und ich hatte Nagellackentferner, nur nicht den Mut. Ich hab mir dann gesagt, nach den Prüfungen werde ich die Zeit dazu haben, den Mut dazu haben. Hauptsache erstmal die Prüfungen schaffen. Die Abschlussklasse war dann auch so das Jahr, wo mich mein Gewicht so gestört hat. Und wie man sieht, habe ich auch dagegen angekämpft. Anscheinend wollte ich, dass die Sargschlepper nicht so viel Gewicht tragen müssen (kleiner Scherz). Die Prüfungen kamen und dann hatte ich irgendwann mein Zeugnis in der Hand. Gar nicht so übel gewesen. Die Ferien waren nicht so wie sie immer waren. Ich denke das kam, weil ich wusste, dass es nächstes Jahr keine weitere Klasse gibt, es sei denn ich würde die Schule weiter machen, was ich zu dem Zeitpunkt auch vor hatte. Und diese Unsicherheit, was ich in meiner Zukunft mache oder nicht mache, hat mich fertig gemacht. Und dann habe ich es irgendwann nicht mehr ausgehalten. Ich kam Nachts mit wohl 0,6 Promille nach Hause und konnte nicht schlafen. Da hielt ich es für eine gute Entscheidung einen Schlussstrich zu ziehen. Ich setzte die Klinge an und schnitt. Beim ersten Mal nicht tief genug, es folgte ein zweiter und ein dritter.. Und dann floss das Blut. Es strömte heraus, doch nicht so wie ich es mir vorgestellt habe. Dann hatte ich zweifel, ob das ausreichen würde. Und dann dachte ich nein, es reicht nicht aus. Ein Mensch hat 5 Liter Blut und aus dieser 11 cm langen Wunde kommt nicht genügen Blut. Ratlos was ich als nächstes tue. Ich habe meinem Bruder eine SMS geschrieben. Das kommt mir jetzt ganz bescheuert vor, aber in dem Augenblick war mir alles egal. Der Notarzt kam und hat die Wunde versorgt, im Krankenhaus wurde sie genäht und die Ärztin war überhaupt nicht nett. Sie hat mich gefragt, ob ich nach Hause möchte oder in eine Klinik. Ich wollte in die Klinik. Es tut mir leid, was ich meinem Vater angetan habe, ich wollte ja nicht, dass es so kommt. Es war der 19 August. In der Klinik habe ich mich nicht wohl gefühlt. Die ersten zwei Ärzte, die mit mir gesprochen haben, waren auch nicht nett, so als würde ich nur ein weiteres Kind sein, das sich versucht hat die Pulsadern aufzuschneiden, nichts besonderes, eine von vielen. Der dritte Arzt, der mit mir sprach, hatte hinterher meinen Vater angerufen und berichtet, ich hätte auf dieser Station nichts verloren. Ich wurde verlegt. Auf eine offene. Dort sah ich auch zum ersten Mal eine Magersüchtige. Ihr Körper war nur noch Haut und Knochen. Ich konnte schon fast mein Blick nicht mehr von ihr nehmen. Auf der offenen war es zwar besser, aber ich wollte nach Hause. Ich habe mir mein Zimmer mit zwei älteren Frauen geteilt, die bestimmt 35+ waren. Und eines Abends hat mir die eine über ihre Jugend erzählt. Ich fand sie nett. Ich hab sie gemocht. Und ich werde sie wohl nie vergessen. Ich kam Sonntag und konnte Donnerstag schon gehen. Wenn ich mich recht erinnere. In der Klinik hatte ich viel Zeit zum nachdenken, ich war mir bewusst, dass ich das nicht mehr tun werde. Das brauchte mir keiner zu sagen, das kommt von mir aus. Meine Ansichten haben sich seitdem verändert. Und ich habe mich seitdem auch nicht mehr Selbstverletzt. Ich könnte ja jetzt den 19. August zu meinem zweiten Geburtstag machen. haha. Nun, die Zeit, die ich mir genommen habe um nachzudenken, die haben mir etwas weiß gemacht. Zum einen, dass ich eine Anpassungsstörung habe, so haben es die Ärzte diagnostiziert und zum anderen, dass ich die meiste Schuld meiner Mutter gebe. Sie hat die großen Fehler gemacht, die ich ausbaden musste. Und ich hoffe, ihr geht es schlechter als mir. Ich hatte schon einmal eine kleine Krise mit meiner Mutter, wollte keinen Kontakt mehr mit ihr. Das hat ca. 4 Monate gedauert, dann wurde ich schwach. Aber sie war es, die den Kontakt aufgebaut hat. Jetzt, vor ein paar Wochen, vor einem Monat, ist sie in meinen Augen gestorben. Wie viel muss ein Mensch noch ertragen. Ich wollte das alles nicht mehr. Ich will sie nicht mehr. Und ich hoffe das wird so bleiben. Selbst wenn ich mich frage, wie ich wohl reagieren werde, wenn ich sie irgendwo treffe. Auf den Boden sehen und vorbei gehen? Das ist wohl das Beste.
Hut ab für die, die sich das durchgelesen haben. Ich weiß, auch wenn oben drüber "Ein wenig Geschichte" steht, ist das doch eine Menge. Die jenigen, die es durchgelesen haben, verdienen meinen ganzen Respekt.
xoxo J.


Ja, ein wenig ist.. weniger. :D Aber du hast es so geschrieben, dass man einfach gelesen hat. Ohne irgendwie darüber nachzudenken.
AntwortenLöschenWie fandest du das Buch "Wenn du stirbst zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie"? (:
& was für eine Ausbildung willst du denn machen, wenn ich fragen darf?
Hoffe du liest das noch, auch wenn's bei einem älteren Post ist. :D Liebe Grüße.